Kultur-Tipp
Auftritt als Künstler
Buchpräsentation am 7. Januar 2010 im
Frankfurter Kunstverein in Frankfurt am Main
Im Begleitprogramm der Ausstellung 'Bilder vom Künstler' hat Beatrice von Bismarck zentrale Thesen ihrer jüngsten Publikation vor- und zur Diskussion gestellt. Für die Leipziger Professorin für Kunstgeschichte und Bildwissenschaften gibt des keine essentielle Bestimmung von Kunst, sondern Kunst ist das Ergebnis von Zuschreibungen. Sie ist – wie auch der Titel der Publikation nahelegt – ein performatives Phänomen, geknüpft an die besondere Rolle der Künstler. Den theoretischen Hintergrund liefert Pierre Bourdieu mit seinem Begriff des Spiels im Feld aller Beteiligten. Kunst legitimiert sich in der gemeinsamen Übereinkunft des Feldes – nicht allein der Kritiker bzw. Käufer, sondern unter Einschluss der Künstler. Die Moderne war durch die Entgrenzung des Käuferkreises geprägt. Zum neuen Setting gehörte neben dem kuratierenden Mittler auch der sich in Ausstellungen zeigende Künstler. Die Postmoderne wird durch die Öffentlichkeit im medialen Kontext bestimmt und – Kunst ist heute faktisch ein Markt.
Seit der Renaissance haben sich Vorstellungen und Ideen über das Künstlerische bis heute erhalten. Künstler werden erkannt an ihrer Schöpferkraft, ihrer Berufung, ihrer ausseralltäglichen Begabung, ihrem Genie und ihrem psychischen bzw. physischen Leiden an ihrer Umgebung - heute leiden Künstler vor allem daran, exponiert bzw. ihrem Publikum ausgesetzt zu sein. Mit wechselnden Anteilen prägen diese Zuschreibungen durchgängig das Künstlerbild. Beatrice von Bismarck beschreibt die Aktualität der Erscheinungsformen und Wirkungsmöglichkeiten dieses Mythos im zeitgenössischen kulturellen Feld. Exemplarisch betrachtet sie zunächst den Wandel im Selbstverständnis der Künstler von der Moderne zur Postmoderne anhand von Paul Gauguin und Bruce Nauman. In seinem Frühwerk testet der heute hochgehandelte Bruce Nauman die Akzeptanz seines Künstlerbildes – 'Kunst ist das, was ein Künstler tut' – mit seinen Werken aus. Das postmoderne Selbstbild der Künstler setzt ein bewußtes Schaffen voraus, es wird als rationalistisches Konzept vorgeführt.
Die Akzentverschiebung vom Produkt zum Handelnden wird anhand von drei Kategorien des Künstlerbildes der Moderne im Detail weiter verfolgt. Die Autonomie der Künstler wird, wie beispielsweise die 'Große Tischruine' und 'Soloszenen' von Dieter Roth auf der documenta 11 zeigen, über die Etablierung des Künstlerateliers als Kunstwerk in eine relative Autonomie gerettet. Nicht nur das Werk von Gilbert & George belegt die vormals an Signatur und Handschrift gebundene Wiederbelebung der Authentizität der Künstler durch die unmittelbare Verbindung von Körper und Werk. Die Subjektivität der Künstler erscheint unter anderem in den medialen Projekten von Gerry Schum in der Neuverhandlung von Autorschaft in kuratorischer, archivierender und filmischer Praxis. Unter der Bedingung der gemeinsamen Bedeutungsproduktion müssen Künstler heute nicht nur von allen anderen am Spiel Beteiligten erkannt und anerkannt werden, sondern sie müssen sich auch unter bewusster Bezugnahme auf den künstlerischen Mythos aktiv ins Spiel bringen. Künstlerische Gegenbilder erscheinen so als kluge Schachzüge in einer gemeinsamen intellektuell-analytischen Sicht auf die Gesellschaft. (jk)
Weiterlesen:
Beatrice von Bismarck: Auftritt als Künstler. Köln:
Verlag der Buchhandlung Walther König (Kunstwissenschaftliche Bibliothek. 39) 270 S. mit schwarz/weissen Abbildungen, ausführlichen Anmerkungen und weiterführender Literatur