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Kultur-Tipp

documenta 15

Eine Chronik der ersten 30 Tage

Wer sich auf die Eröffnung der documenta 15 am 18. Juni 2022 in Kassel gefreut hat, ist im Vorfeld in den Medien umfänglich mit der Problematik der diesjährigen Ausstellung bekannt gemacht worden. Schon im Januar wurde die Auseinandersetzung aus dem letzten Jahr fortgesetzt. Die an dieser Stelle kurz als Antisemitismus-Debatte umschriebene Diskussion hat sich an der Haltung des Kuratoriums entzündet. Mit der Einladung eines künstlerischen Kollektivs aus Indonesien war geplant, die documenta für einen neuen Blick aus dem 'globalen Süden' zu öffnen. Schon bald wurde die Frage gestellt, wieweit schon bei der Vorbereitung der Ausstellung eine politisch sanktionierte Nähe zu der gegen Israel gerichteten BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) gegeben ist. Zuletzt hatte sich bei der Eröffnung der Schau der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu diesem mit Pro und Contra geführten Diskurs kritisch geäussert.

Mit der Aufstellung des großformatigen Banners 'People's Justice' der Gruppe Taring Padi hat sich die Debatte zum "Documenta-Skandal" ausgeweitet. In diesem detailreichen Bild auf dem Friedrichsplatz sind antisemitische Botschaften erkannt und öffentlich gemacht worden. Vielfältige Kritik von der Politik, der Zivilgesellschaft und den Medien führten erst zum Verhängen, kurz darauf zum Abhängen des Bildes. Den Ruf nach Kontrolle löste die documenta gGmbH durch die Vergabe eines Auftrags zur Prüfung der Ausstellung. Ende Juni 2022 beschrieb der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank sein Konzept. Nachdem die beabsichtigte Kooperation mit den Gremien der documenta nicht zustande kam, verkündete er Mitte Juli 2022 seinen Rückzug. Wenige Tage später wehrte sich die Generaldirektorin Sabine Schormann gegen die erhobenen Vorwürfe, geriet mit ihrer Argumentation wieder in die Kritik und beendete nach einer außerordentlichen Sitzung des Aufsichtsrates am 17. Juli 2022 einvernehmlich ihren Vertrag. Ein Interims-Geschäftsführer wurde eingesetzt, von der Kulturpolitik wurden eine Aufarbeitung des Skandals und (nicht zum ersten Mal) strukturelle Reformen der documenta versprochen und in Hessen begann am 23./24.07.22 in der Zeitung das Ferienprogramm mit der Verlosung einer Reise zum Besuch der documenta.

Nicht nur über die Antisemitismus-Debatte, auch über das Programm der documenta ist berichtet worden. "Wie die Weltkunstschau das Leben besser machen will", titelte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung zur Eröffnung. Allerdings hat die bis in den Deutschen Bundestag hinein geführte und teils mit handfesten Argumenten ausgetragene Debatte breiten Raum eingenommen. Mit dem Interview eines Soziologen zum Postkolonialismus oder dem Gespräch mit einer Ethnologin zur Bildsprache sind einzelne Aspekte vertieft worden. Schließlich sind unterschiedliche Stimmen aus der Kulturszene zu Wort gekommen – vom Rückblick auf die Geschichte der documenta bis zum Rückzug der renommierten Künstlerin Hito Steyerl aus der diesjährigen Ausstellung. Nur die künstlerische Leitung ist einer öffentlichen Diskussion möglichst aus dem Weg gegangen. Eine ab Mai 2022 geplante Veranstaltungsreihe wurde kurzfristig wieder abgesagt. Die auf verschiedenen Ebenen an die documenta herangetragenen Angebote zum Dialog wurden nicht wahrgenommen. So wurde auch die von der documenta selbst mitveranstaltete Podiumsdiskussion Antisemitismus in der Kunst am 29.06.22 nicht für eine Aussprache genutzt.

Welche Erfahrungen sind also beim Besuch der documenta 15 zu machen? Welche künstlerischen Angebote gibt es? Und kann ein Rundgang Aufschluss über die nicht geführten Dialoge geben? (jk)

Weiterlesen: DOCUMENTA VERSAL Betrachtungen über einen Besuch der documenta 15 in Kassel (PDF)